{"id":34,"date":"2022-10-04T19:46:50","date_gmt":"2022-10-04T17:46:50","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/?p=34"},"modified":"2022-10-04T19:46:50","modified_gmt":"2022-10-04T17:46:50","slug":"das-einzelne-und-das-allgemeine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/index.php\/2022\/10\/04\/das-einzelne-und-das-allgemeine\/","title":{"rendered":"Das Einzelne und das Allgemeine"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die europ\u00e4ische Philosophie sch\u00e4tzt das Einzelne nicht. Verblendet von der Macht der Sprache, die das nicht greifbare Allgemeine im Begriff zu fassen vermag, verwechselt die Philosophie seit jeher das <em>Begreifen<\/em> eines Einzelnen mit dessen <em>Sein<\/em>. So missr\u00e4t ihr jeder Blick auf das Seiende zu dem Blick in ein W\u00f6rterbuch.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-medium is-style-default\"><img loading=\"lazy\" width=\"200\" height=\"300\" src=\"https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/pexels-karolina-grabowska-4016512-200x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-35\" srcset=\"https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/pexels-karolina-grabowska-4016512-200x300.jpg 200w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/pexels-karolina-grabowska-4016512-683x1024.jpg 683w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/pexels-karolina-grabowska-4016512-768x1152.jpg 768w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/pexels-karolina-grabowska-4016512-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/pexels-karolina-grabowska-4016512-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/pexels-karolina-grabowska-4016512-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Was aber ist das Sein? Es ist die Absonderung eines Einzelnen aus dem Gewebe der Welt. Das Seiende <em>ist<\/em> das Abgesonderte. Die Absonderung aber braucht Kraft, um zu geschehen und um fortzubestehen. Diese Kraft wirkt sowohl nach au\u00dfen, indem sie alles, was nicht zu dem Einzelnen geh\u00f6rt, abst\u00f6\u00dft, wie auch nach innen, indem sie dessen Teile zusammenh\u00e4lt.\u00a0 Das Seiende ist also nicht selbstverst\u00e4ndlich, sondern bedingt.<\/p>\n\n\n\n<h2>Skip those paragraphs if you like, you better do<\/h2>\n\n\n\n<p>Parmenides \u00fcbersch\u00e4tzte das Allgemeine so sehr, dass es ihm zu einem Einzelnen wurde. Heraklit unterlag einem \u00e4hnlichen Fehler, indem er das Einzelne so \u00fcbersch\u00e4tzte, dass es ihm zu dem Allgemeinen wurde. Weil sich aber beide offensichtlich darauf beschr\u00e4nkten, das Problem des Seins, nicht des Erkennens, l\u00f6sen zu wollen, mussten ihre irrigen Ans\u00e4tze der Bedeutungslosigkeit verfallen, sobald Platon die untrennbare Verkn\u00fcpfung des Erkennens und des Seins in die Philosophie einpr\u00e4gte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vorrang des Allgemeinen vor dem Einzelnen ist bei Platon bekanntlich so gro\u00df, dass die Herausbildung eines Einzelnen aus dem Gewebe der Welt, das <em>Werden<\/em> von etwas, ihm als Verlust von Wirklichkeit gilt. Das Allgemeine ist wirklich Seiendes, das Einzelne nur dessen stets mangelhafter und fl\u00fcchtiger Abklatsch. Was aber f\u00fcr das Erkennen zutrifft, dass jedes Einzelne vor dem Hintergrund der Welt nur hervortritt, wenn es sich als besonderer Fall eines Allgemeinen darbietet, stimmt f\u00fcr das Sein nicht. Seiendes entsteht aus Kraft, nicht aus einer allgemeinen Form. Die von au\u00dfen und erst im Nachgang des Werdens erkennbare Form eines einzelnen K\u00f6rpers ist ja gerade im Wechselspiel zwischen jener Kraft und den Einfl\u00fcssen der Welt entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Verkehrung der Verh\u00e4ltnisse behielt \u00fcber Jahrhunderte ihre G\u00fcltigkeit. Mochte Aristoteles auch Einw\u00e4nde gegen Platons allzu schlichte Konzeption vom Verh\u00e4ltnis des Allgemeinen und des Einzelnen haben, so lie\u00df er es dennoch an der notwendigen Entschlossenheit und Sch\u00e4rfe fehlen, um den ontologischen Vorrang des Individuums zu etablieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst die Nominalisten waren es, die einen m\u00e4chtigen Einspruch gegen die Platonische Verkehrung der Verh\u00e4ltnisse einlegten. Unter ihnen ragt Wilhelm von Ockham hervor, der \u00fcberhaupt erst wieder auf die Verkn\u00fcpfung von Erkennen und Sein aufmerksam macht und sie auf dieser Grundlage dann auch kritisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch! Indem Kant das empirisch Seiende den Bedingungen des Erkennens unterwarf, schloss er nicht nur &#8211; wie schon Ockham &#8211; das Selbstwiderspr\u00fcchliche aus dem Bereich des Seienden aus, sondern auch das Regelwidrige.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also bleibt dem Menschen, um sich seiner Individualit\u00e4t zu vergewissern? Anstatt sich radikal als Individuum, als Einzelner im Sinne Max Stirners zu verstehen, versteht er sich zun\u00e4chst als Gattungswesen, versch\u00fcttet so seine Individualit\u00e4t und muss sie dann durch \u00fcberfl\u00fcssige Vergleiche mit anderen rekonstruieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die europ\u00e4ische Philosophie sch\u00e4tzt das Einzelne nicht. Verblendet von der Macht der Sprache, die das nicht greifbare Allgemeine im Begriff zu fassen vermag, verwechselt die Philosophie seit jeher das Begreifen eines Einzelnen mit dessen Sein. So missr\u00e4t ihr jeder Blick auf das Seiende zu dem Blick in ein W\u00f6rterbuch. 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