{"id":56,"date":"2022-11-07T23:16:52","date_gmt":"2022-11-07T22:16:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/?p=56"},"modified":"2022-11-07T23:35:48","modified_gmt":"2022-11-07T22:35:48","slug":"die-frage-nach-der-willensfreiheit-und-die-suche-nach-dem-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/index.php\/2022\/11\/07\/die-frage-nach-der-willensfreiheit-und-die-suche-nach-dem-ich\/","title":{"rendered":"Die Frage nach der Willensfreiheit und die Suche nach dem Ich"},"content":{"rendered":"\n<p>Setzen wir voraus, dass die Frage nach der Willensfreiheit und die Suche nach dem Ich beginnen, wenn wir uns mit einer vergangenen Handlung von uns auseinandersetzen. Wir f\u00fchlen Reue \u00fcber diese Handlung und sagen uns, dass wir &#8222;so nicht h\u00e4tten handeln sollen&#8220;, oder wir f\u00fchlen Genugtuung und sagen uns, dass wir &#8222;nicht anders h\u00e4tten handeln sollen&#8220;. In beiden F\u00e4llen stellen sich die Fragen,  wer das Subjekt, das &#8222;Ich&#8220;, sei, an das sich jene damaligen Imperative richteten, und wie die damalige Entscheidung zur Handlung zustande gekommen sei.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/pexels-monstera-7139728-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-58\" srcset=\"https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/pexels-monstera-7139728-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/pexels-monstera-7139728-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/pexels-monstera-7139728-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/pexels-monstera-7139728-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/pexels-monstera-7139728-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Image by monstera on pexels.com<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2>Die libertarianistische Position<\/h2>\n\n\n\n<p>Eine Antwort darauf, die eher der libertarianistischen Position in der Debatte um die Willensfreiheit zuzuordnen ist, zerlegt das Ich in mindestens zwei Teile, die prinzipiell vergleichbar mit den Seelenteilen Platons sind. Typischerweise gibt es dann einen Teil, der zu der moralisch oder pragmatisch schlechter beurteilten Handlungsalternative dr\u00e4ngte, und einen Teil mit gegens\u00e4tzlichen Antrieben. Die Entscheidung wird als \u00dcber- oder Unterlegenheit des besseren Teils interpretiert. Bemerkenswert ist auch, dass wir meistens entweder sagen, dass beide Teile unser Ich ausmachen bzw. &#8222;in unserer Brust wohnen&#8220;, oder dass wir uns vor allem mit dem besseren Teil identifizieren, indem wir sagen, er sei &#8222;unser eigentliches Ich&#8220;, der &#8222;Kern&#8220; unserer Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Halten wir fest, dass es bei dieser Antwort zu einer unvermeidlichen Dissoziation des Ich in zwei handelnde, aktive Teile kommt, auch wenn sich letztlich nur ein Teil so durchsetzt, dass daraus eine objektive Handlung folgt. Gleichwohl sind beide Teile in der subjektiven, retrospektiven Selbsterforschung aktiv, da sie um die Entscheidung zur einen oder anderen Handlung ringen.<\/p>\n\n\n\n<h2>Die deterministische Position<\/h2>\n\n\n\n<p>Ein zweite, konkurrierende Antwort r\u00e4umt zwar zun\u00e4chst im Sinne der deterministischen Position ein, dass die Entscheidung zu einer Handlung kausal zwingend aus diversen Antezedenzbedingungen erfolgt sei. Das k\u00f6rperliche Subjekt der Handlung wird dabei als nahtlos in das kausale Gewebe des Weltganzen eingebunden gedacht. Gerade diese Einbindung untergr\u00e4bt den Anspruch auf die privilegierte Perspektive eines &#8222;Ichs&#8220;. Gleichwohl ist gerade diese privilegierte Perspektive im subjektiven Erleben ja zweifelsohne gegeben und kann nicht schlichtweg bestritten werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/puppet-g0d05d5a9f_1280-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-57\" srcset=\"https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/puppet-g0d05d5a9f_1280-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/puppet-g0d05d5a9f_1280-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/puppet-g0d05d5a9f_1280-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.tobias-schliebitz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/puppet-g0d05d5a9f_1280.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Image by mydaydream on pixabay.com<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>So muss es auch bei der zweiten Antwort zu einer Dissoziation des Ichs kommen, wobei hier allerdings ein aktiver, aber naturkausal determinierter Teil gegen einen theoretischen, passiven Teil steht, welcher das Handeln und insbesondere die Konsequenzen des Handelns seines Komplements &#8222;erlebt&#8220;, sie wohl auch als Teil seines gesamten &#8222;Ichs&#8220; zu deuten vermag, aber in letzter philosophischer Strenge eher sagen m\u00fcsste: &#8222;Es handelte in mir&#8220; als &#8222;Ich handelte&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Unbehagen in der letztgenannten, deterministischen Interpretation einer Entscheidung, die zu einer verwerflichen, schuldhaften und sanktionierten Handlung f\u00fchrt, r\u00fchrt nun sicher nicht zuletzt aus dem Gef\u00fchl, als erlebendes Ich die Konsequenzen eines von diesem Ich losgel\u00f6sten, eben dissoziierten und nicht beeinflussbaren Teils des Selbst nicht nur tragen, sondern auch annehmen zu m\u00fcssen. Ebenso, wie eine ganze Person nicht die Verantwortung f\u00fcr eine Handlung \u00fcbernehmen will, die ihr von \u00e4u\u00dferen Kr\u00e4ften aufgezwungen worden ist, mag hier der sich selbst bewusst erlebende Teil des Ichs nicht die Verantwortung f\u00fcr einen anderen Teil \u00fcbernehmen, der sich zumindest in der philosophischen Reflexion als unbeeinflussbar erweist.<\/p>\n\n\n\n<p>Fraglich ist allerdings, ob dieses Gef\u00fchl, welches die Ablehnung des Determinismus zumindest zum Teil motiviert, der Analyse standhalten kann: Wir werden sehen, dass die hier beklagte Dissoziation in den aktiven, aber determinierten und den theoretischen, passiven Teil des Ichs keineswegs eine Besonderheit jener<em> ex post<\/em> Betrachtung eigenen Entscheidens ist, sondern &#8222;eigentlich&#8220; schon immer unserem jeweiligen Welt- und Selbstbezug zugrundelag.<\/p>\n\n\n\n<h2>There&#8217;s more to it!<\/h2>\n\n\n\n<p>Interessant, lesen, einarbeiten: <a href=\"https:\/\/www.ucl.ac.uk\/~uctytho\/dfwVariousKane.html\">https:\/\/www.ucl.ac.uk\/~uctytho\/dfwVariousKane.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Setzen wir voraus, dass die Frage nach der Willensfreiheit und die Suche nach dem Ich beginnen, wenn wir uns mit einer vergangenen Handlung von uns auseinandersetzen. 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